Zines: wildes wiederholen. material von unten

Ausstellungsansicht, Archiv der DDR-Opposition, Foto: Emma Haugh

Elsa Westreicher, Transparenz, Intimität, Dringlichkeit, 2018

Uranabraumhalden der Wismut AG (“die Pyramiden von Ronneburg”), Foto aus dem Redaktionsarchiv “die andere”/ Archiv der DDR-Opposition, Rainer Steußloff; März 1991

Ausschnitt aus dem Zine gemeinsam unerträglich von Ernest Ah & Sabrina Saase & Lee Stevens vom Kollektiv der Raumerweiterungshalle: Lesbenhochzeit auf einer Friedenswerkstatt, Erlöserkirche Berlin Rummelsburg 1983. Die Henkerin wurde später als IM enttarnt. Foto: privat, Archiv Tina Ehlischer

Kai Ziegner, (M)eine Geschichte der Gewalt. Orte und Situationen. (1986-2016), 2018

Als Beiträge zu wildes wiederholen. material von unten. Künstlerische Forschung im Archiv der DDR-Opposition, 4.11. – 16.12.2018, im Archiv der DDR-Opposition und District Berlin, kuratiert von Suza Husse und Elske Rosenfeld sind bisher vier Zines entstanden. Sie sind Vorbotinnen der kommenden Publikation zum Projekt, die 2019 bei Archive Books erscheint.

Alle Zines sind im Ausstellungszeitraum im Archiv der DDR-Opposition und bei District Berlin gegen eine kleine Spende erhältlich.

 

Intimität, Transparenz, Dringlichkeit:
Vor ein paar morgen lagen Meilen zwischen gestern und heute
Elsa Westreicher

Elsa Westreicher ist Grafik-Designerin mit kritischem Blick auf visuelle Konventionen und die Bedeutung ihrer Abweichungen. Ihr Projekt im Archiv der DDR-Opposition schlägt ein „deep reading“ der grafischen und materiellen Beschaffenheiten sowie gestischen Einschreibungen einiger Transparente aus dem Objektefundus des Archivs vor. In ihren Fotografien geht sie den Berührungslinien von Intimität und Öffentlichkeit der Proteste nach: Politische Forderungen äußern sich hier auf zweckentfremdeten Laken und Bettbezügen. Deren Verwendung – aber auch die Zeit, die seither vergangen ist – hat sich in Form von Falten, Schmutz und Abnutzung in die Objekte eingeschrieben.

Entlang der Silberstraße
Mareike Bernien & Alex Gerbaulet

Entlang der Silberstraße, eine Bildgeschichte nachstrahlender Landschaften, ist die erste Präsenz der gemeinsamen Forschung von Mareike Bernien und Alex Gerbaulet zu politischen Umwelten und Rohstoffabbau im Zusammenhang mit den Uranabraumhalden der Wismut AG.

 

gemeinsam unerträglich. ein dokumentarisches Mosaik
Ernest Ah, Sabrina Saase und Lee Stevens vom Kollektiv der Raumerweiterungshalle
Skript zum Hörstück

Raumerweiterungshallen mit ihrer utopischen Architektur wurden in der DDR entwickelt. Mobil und teleskopartig erweiterbar können sie für viele Zwecke eingesetzt werden. Während der Studierendenstreiks 2003 wurde eine solche Halle zum Vereinsraum des Selbstuniversität e.V. und wird seither als selbstorganisierter Projektraum genutzt. Derzeit betreibt ihn eine Gruppe von neun Personen mit Schwerpunkt auf queer-feministischen Inhalten und Methoden.
Während ihrer Forschungen im Archiv haben Ernest Ah, Sabrina Saase und Lee Stevens ein Hörstück zu lesbischen und trans* Wirklichkeiten, Kulturen und Organisierungen in der DDR und ihren Weiterführungen bis heute erarbeitet.

 

(M)eine Geschichte der Gewalt: ein autobiographisches Experiment
Kai Ziegner

Kai Ziegner in Plauen, einer Industriestadt im Süden der DDR, geboren. In seiner künstlerischen Arbeit widmet er sich der Erforschung persönlicher Erfahrungen mit Techniken der Photographie, des experimentellen Schreibens, des Reenactments, der Traumatherapie und Ansätzen aus Soziologie, Geschichtswissenschaft oder Ethnographie. In seinem Langzeitprojekt (M)eine Geschichte der Gewalt untersucht 21 Gewaltakte, die zwischen 1986 und 2016 stattgefunden haben. Basierend auf diesen Erlebnissen und Erfahrungen des Aufwachsens während des Zerfalls der DDR, der Umbrüche 1989/90 und Nachwendezeit geht Ziegner der biografisch-historischen Performanz von Situationen nach, in denen er verschiedene Formen von Gewalt sowohl erlebt als auch ausgeübt hat. Er sucht die Orte des Geschehens wiederholt auf, um sich den Erinnerungen wie in einem Experiment, in dem er Untersuchender und Untersuchungsgegenstand zugleich ist, kontrolliert auszusetzen, Darstellbarkeiten zu finden und signifikante Gegenstände zu rekonstruieren.
In seinem Beitrag zu wildes wiederholen. material von unten fokussiert die Bilderzählung auf Auseinandersetzungen im Plauener Stadtraum der Jahre 1989 bis 1993. Sie beginnt mit der Erfahrung der Demonstration 1989, die zum Ausgangspunkt seiner Recherche im Archiv der DDR-Opposition wurde, und nimmt die sich daraufhin in den öffentlichen Raum, in Subjekte, Körper und kollektive Erinnerung einschreibenden Formen von Neo-Nazi-, Polizeiund Gegengewalt in den Blick. (M)eine Geschichte der Gewalt ist der Versuch, eine selbstund gesellschaftskritische Erzählform zu entwickeln, die Phänomene des sozialen Wandels nach der Auflösung der DDR, die Rollenverteilung zwischen Gewalttätern und Gewaltopfern und Realitäten problematischer Männlichkeiten beleuchtet und hinterfragt. Das Forschungsprojekt wird demnächst auch in Buchform erscheinen.