District
Kunst- und Kulturförderung

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TRICOT (Merche Blasco & Thessia Machado), re(p)l(a)y - a sculptural platform for the exchange of musical events. 2013

(Dis)playing paper, hours and constellations #4

V I S U A L A I D.
INDIVIDUAL NOTATION SYSTEMS OF SOUND & MUSIC.

kuratiert von Jana Sotzko und Theresa Stroetges mit Alpha Couple, Tore Honoré Boe, Duchamp, Ensemble Abgesagt, Epiphany Now, Beck Hansen, Jasmine Guf fond & Ilan Katin, Liz Kosack, Andrew Kemp, Jason Levis, Thessia Machado & Merche Blasco, Florian Merkel, Miss Machine, Loretta Myr, Oravin, Frank Schültge, Golden Diskó Ship, Shinya Sugimoto.

25 Apr 2013 - 25 Mai 2013

Eröffnung: 25. April 2013, 19.00 Uhr

mit Performances von Epiphany Now (19 Uhr), Tore Honoré Boe (20 Uhr) und Liz Kosack (21 Uhr)

Ausstellung: 26.4. bis 25.5.2013
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, 12 bis 18 Uhr

 

Mit Arbeiten und Dokumenten von Alpha Couple, Tore Honoré Boe, Duchamp, Ensemble Abgesagt, Epiphany Now, Beck Hansen, Jasmine Guf fond & Ilan Katin, Liz Kosack, Andrew Kemp, Jason Levis, Thessia Machado & Merche Blasco, Florian Merkel, Miss Machine, Loretta Myr, Oravin, Frank Schültge, Golden Diskó Ship, Shinya  Sugimoto.


Die Notation also trifft das Wesen des Kunstwerks ebenso wie das Wesen der menschlichen Existenz, beiden ist eine Zeit in unterschiedener Endlichkeit gemein, und beide teilen in unterschiedener Weise einen Raum.[1]

 

VISUAL AID ist ein disziplinübergreifendes Ausstellungs- und Performanceprojekt zu unkonventionellen Formen der musikalischen Notation und bildet den vierten und abschließenden Teil der Reihe (Dis)playing papers, hours and constellations. VISUAL AID greift die Fragestellungen – zur Politik der Probe, zum Sound in der zeitgenössischen Kunstproduktion und zur Übersetzbarkeit von Kompositionsprozessen in spielerische Dramaturgien für eine temporäre Gemeinschaft – der vorangegangen Beiträge auf und führt sie unter einem universal gedeuteten Notationsbegriff in einen gemeinsamen Reflexionsrahmen zusammen. 

Die Musikwissenschaftlerinnen und Musikerinnen Jana Sotzko und Theresa Stroetges skizzieren in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Susanne Husse aktuelle Strategien in Musik, Sound- und Performancekunst, die etablierten (westlichen) Notationssprachen durch Abweichungen, Erweiterungen, Individualisierungen und Alternativen zu ergänzen oder diese vollständig zu verwerfen. Die Ausstellung zeigt experimentelle Notationen in Form von Notizen, Zeichnungen, Texte, Fotografien, Objekte, präparierte Instrumenten, Ton- und Videoaufnahmen, Demos, Timecodes, digitale Arrangements, MSP/Patches und Tanzprotokolle und stellt sie den daraus hervorgehenden, hörbaren Interpretationen gegenüber.

In freier Anwendung und Fortführung der Entwicklungen aus zeitgenössischer Musik, Fluxus- und Aktionskunst der 1960er Jahre, die weg von der „klanglichen Passivität des Werkes in der Partitur hin zur unmittelbaren Aktion, Anweisung zur Realisation des Klangs in der Zeit“ führten (Peter Weibel), zeugen die präsentierten Aufzeichnungen und Anleitungen von der fortschreitenden Emanzipation der Interpret_innen gegenüber fixierten Autoren- und Werkbegriffen. Gleichzeitig stellen diese unkonventionellen Notationen die   Kommunikationsfunktion des Zeichensystems Notation in einigen Fällen grundlegend in Frage. Beispielsweise verdeutlichen die Experimente von Florian Merkel, Frank Schültges und Ellen Evers die Unzulänglichkeit bestehender Methoden, gegenwärtige Musikformen wie elektronische Musik, Pop, Noise, Experimental oder Ambient zu notieren. Denn entscheidende musikalische Qualitäten wie Klangfarbe, Timbre, komplexe Rhythmik, die individuelle Performance der Komponist_innen, live-elektronische Prozesse und vor allem der Sound an sich sind durch tradierte Formen der Notation nicht adäquat zu verschriftlichen.

Ob und wie sich aktuelle musikalische Ereignisse überhaupt noch notieren lassen, ist besonders in den soundbasierten Genres oft gar keine Frage mehr. Zum Beispiel zeigt sich in den performativen Klang- und Lichtinstallation des Ensembles Epiphany Now die Obsoletwerdung jeglicher Notation zugunsten der reinen Improvisation mit Sound. Andererseits ist an den Ansätzen von Liz Kosack, Alpha Couple u. a. zu beobachten, dass Musiker_innen zunehmend hochindividuelle Notationssprachen entwickeln, die nur für sie selbst bestimmt sind. Wenn die Aufführung populärer Musik kaum mehr getrennt von der (Star)Persönlichkeit des/der Interpreten_in denkbar ist, tritt die essentielle Funktion der Notation als Handlungsanweisung für andere in den Hintergrund.

Aber es lassen sich auch gegenläufige Tendenzen aufzeigen: Beck Hansen veröffentlichte sein letztes Album „Song Reader” nicht in der konventionellen Form eines Tonträgers, sondern als Buch mit Sheet Music in traditioneller Notenschrift und Midi-Dateien zum Download. Indem Beck seine eigene musikalische Interpretation verweigert, macht er seine „Hörer_innen“ zu den Interpret_innen seiner Musik. Im Spannungsverhältnis von Anleitung und einer mittlerweile allgegenwärtigen Aufzeichnungs- bzw. Dokumentationspraxis, versinnbildlichen die Youtube-Clips der von Fans performten Song-Reader-Stücke die Entwicklung der Notation von der Emanzipation der Interpret_innen zum user generated content


[1] Hubertus von Ameluxen, Notation, die Künste und die musikalische Reproduktion

 

 

(Dis)playing paper, hours and constellations
kuratiert von Susanne Husse

Ausgangspunkt für die Serie (Dis)playing paper, hours and constellations bilden unterschiedliche Formen künstlerischer Publikationsprojekte bzw. bildnerisch erweiterter Zeichen- und Schreibpraxis. Zwischen Januar und Mai 2013 präsentiert District Kunst- und Kulturförderung Berlin unter diesem Titel vier Ausstellungsexperimente und performative Übungen, die Künstler_innen, Theoretiker_innen und Kurator_innen aus den Editions- bzw. Magazinformaten Scriptings, VOLUME, SKULPI und dem Forschungsprojekt zu zeitgenössischen Musiknotationen, VISUAL AID, heraus entwickeln.

Anknüpfend an die Vorstellung eines durch die Veröffentlichung hervorgerufenen diskursiven und sozialen Raums, der zuerst aus der gedanklichen Verbindung einer mehr oder minder zufälligen Konstellation von Leser_innen und Autor_innen entsteht, interpretiert (Dis)playing paper, hours and constellations die ausgewählten Publikationen und Dokumente als Notationen für die Erprobung temporärer Gemeinschaften. Der Notationscharakter oder die „Zukunftseigenschaft“ der Dokumente, sich als Skripte, Skizzen oder Partituren für räumliche Versuchsanordnungen und Handlungsmotivationen lesen zu lassen, wird damit auch zur hypothetischen Gesellschaft von Individuen, Objekten, Bildern, Klängen und Gedanken.

(Dis)playing paper, hours and constellations aktiviert den Begriff der Probe für das Nachdenken über die Räume und Präsentationszusammenhänge zeitgenössischer Kunst. Die mobile Architektur The Turtle II des Künstlers und Architekten Luis Berríos-Negrón dient als modularer Schauplatz mit insgesamt 48 Mikroräumen, innerhalb bzw. anhand derer die  Teilnehmer_innen kritische, utopische und humorvolle Display-Modelle vorstellen. Die vier unabhängig voneinander entstehenden Projekte ziehen nacheinander in die Architekturskulptur im Kabinettraum von District ein, um sich in spannungsreichen Nachbarschaften zufälliger Bezüge und konkurrierenden Behauptungen zu ergänzen.

 

Mit freundlicher Unterstützung von cine plus