District
Kunst- und Kulturförderung

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dissident desire

CHAPTER 0: INTRODUCING DAYDREAMS OF PRECARIOUS BODIES.

05 Jul 2013 - 07 Dez 2013

 

Die Vorbereitungen zu

dissident desire. Kapitel 1: Exercises of critical body building

Eröffnung am 24. Oktober 2013

dissident desire. Kapitel 2: Terrain of Threshold Voices

Eröffnung am 12. November 2013

laufen.


 

 

Vorwort


How does one introduce desire into thought, into discourse, into action? How can and must desire deploy its forces within the political domain and grow more intense in the process of overturning the established order? Ars erotica, ars theoretica, ars politica.(Michel Foucault , Introduction: Arts of Living, in: Anti-Oedipus)

 

dissident desire nimmt seinen Ausgangspunkt in Untersuchungen zum performantiven und bio-politischen Status des zeitgenössischen Körpers. Das fortlaufende Projekt entfaltet sich in seinen ersten Kapiteln zwischen Juni und Dezember 2013 in der District Kunst- und Kulturförderung in Berlin und seiner urbanen Umgebung. Mit den unterschiedlichen Formaten Archiv, Veranstaltungsprogramm, kollaborative Produktionen, Ausstellung und Publikation versuchen wir im Rahmen des Projekts, einen »kritischen Werkzeugkasten« zu erstellen.

Auf der Suche nach proaktiven Vorschlägen vereint dissident desire. Kapitel 0: Zu Tagträumen prekärer Körper. Ansätze kollaborativer kultureller Recherche in urbanen Arbeitsumfeldern mit experimentellen Lernpraktiken im Rahmen eines öffentlichen Archivs. Die Reflektion der Bedingungen, unter denen prekäre Körper in unserer Gesellschaft produziert und repräsentiert werden, soll dabei einher gehen mit der taktischen Erschließung und Performanz von dissidentem Wissen zu Gegenvorstellungen und zu Handlungsweisen der Neu-Ordnung im Alltäglichen.

Im Rahmen des Projektes wird »Begehren« [desire] als hybrider Begriff hinterfragt, der sich im Spannungsfeld eines aus Momenten der Dringlichkeit hervorgebrachten imaginären Raums und eines im endlosen Produktionskreislauf immer wieder neu erregten, kapitalistischen Mechanismus betrachten lässt. Ausgehend vom Schmelzzustand politischer und wirtschaftlicher Architekturen, legen wir dem Projekt ein erweitertes Konzept von Prekarität als Spekulationsraum für kritisches Denken und destabilisierende Praxis aus körperpolitischen Perspektiven zugrunde. Für die Erforschung des Körpers als infrastruktureller Kreuzungspunkt der globalen Flussgrößen Technologie, Kapital, Ideologie, Machtstrukturen und Begehren, bietet das Konzept der »Sometheque« der Philosophin Beatriz Preciado eine Arbeitsbasis.[1] Als »Sometheque« beschreibt sie das moderne Subjekt, das seinen Körper verloren hat und einzig als durch das pharmakopornografische Regime gesteuerter Apparatus existiert.[2]

Um die gegenwärtige Prekarisierung des Körpers durch »Immigrationspolitiken und Risikomanagement, klinische Studien, pharmakologische Techniken, diagnostische Praktiken,vermittelte Narrative, diskursive Strukturen, visuelle Repräsentationen und Diskurse der Prävention, Kontrolle und Überwachung«[3] zu untersuchen, durchkreuzt dissident desire Wissensfelder, in denen Strategien des Infragestellens und Dekonstruierens biopolitischer Ordnungen und politischer Körper erprobt und ausgebübt werden.

dissident desire bildet einen experimentellen Rahmen für die Zusammenführung von Erkenntnissen aus diesen unterschiedlichen Bereichen - darunter Kunst, Aktivismus, Feminismus, Geschlechterforschung, Postkolonialismus, Kultur- und Politikwissenschaften, Soziologie und Philosophie - und Erfahrungen, die aus Zonen unerwarteten Wissens hervorgehen. Das Ziel dieser Entgrenzungen ist die Erforschung und Anregung von »Wachträumen« eines alternativen sozialen Körpers innerhalb derjenigen Infrastrukturen, die gegenwärtige Körperbilder sowie einschlägig konformes Begehren produzieren, organisieren und normalisieren.

Auf der Suche nach Praxen des Widerstands und »Vorhergehensweisen«, wie Michel de Certeau es ausdrückte, an Orten wo diese nicht zu erwarten sind, erprobt dissident desire eine spekulative Bewegung: Wie kann situiertes Wissen über die gegenwärtige Körperproduktion möglicherweise zum Ort der Herausforderung unseres biopolitischen Zustands werden, an dem kritische Gegen-Narrative aufgestellt werden?

Um Wissenstransfers zwischen unterschiedlichen kulturellen Bereichen zu ermöglichen, folgt dissident desire Taktiken der Infiltration und Dispersion und aktiviert Begehren und Wachträume als mehrdeutige Momente zwischen Fiktion und Realität.[4] In dieser Art phantasmagorischer Position könnten Wachträume der Konfrontation und des Widerstands sich komplementär zu einer unerfüllten Sehnsucht herausbilden: nach der Präsenz des Körpers nicht mehr als Phantom sondern als fühlbare Erscheinungsform politischer Dringlichkeit.

 

OPEN CALL - Ausschreibung für Beiträge zum dissident desire Archive

dissident desire Kapitel 0: Zu Tagträumen prekärer Körper

dissident desire. Kapitel 1: Exercises of critical body building

dissident desire. Kapitel 2: Terrain of Threshold Voices

 


dissident desire ist ein Projekt von Susanne Husse und Lorenzo Sandoval.  


[1] PRECIADO, Beatríz, Testo yonqui, Espasa, Madrid, 2008.

[2] Eine gute Kurzdarstellung von Preciados Konzept des »Sometheque« befindet sich in dem von Preciado geleiteten Studienprogramm am Museum Reina Sofia: http://www.museoreinasofia.es/en/activities/somatheque-2013

[3] Ebd.

[4] In seinem Essay »The Art of the Ridiculous Sublime - On David Lynch’s Lost Highway« beschreibt Slavoj Zizek verbreitete Wachträume von amerikanischen Drohnensoldaten, die Krieg vom Computerbildschirm aus begehen. Er stellt fest, dass »Soldaten oft fantasieren, den Gegner in einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht zu töten« und zeigt auf, dass die Soldaten durch die Konstruktion militärischer Versionen eines sexuellen False Memory Syndromes fiktive (!) Verbindungen konstruieren, um ihren Aktivitäten Sinn beizumessen. Andererseits wird die Tatsache, dass sie Teil einer industriellen Infrastruktur sind die ihrer menschlichen Teilhabe eigentlich nicht mehr bedarf, sehr deutlich kompensiert. Diese Art der Videospiel-Situation lässt sich mit der Platzierung Einzelner innerhalb des pharmakopornografischen Regimes vergleichen: Die Substitution des sinnlichen Verlangens eines Körpers durch den hell leuchtenden Bildschirm inmitten der Flüsse des Kapitalaustauschs, in dem Kriegsprodukion und die Stimulation von Sex und Begehren durch eine gemeinsame wirtschaftliche Logik unvermeidlich miteinander verknüpft sind.