District
Kunst- und Kulturförderung

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(Dis)playing paper, hours and constellations #1

Achim Lengerer/ Scriptings

Proben zu P.W./ Dokumente und Fußnoten

31 Jan 2013 - 25 Mai 2013

Dienstag bis Samstag 12 bis 18 Uhr 

Proben zu P.W./ Dokumente und Fußnoten

Achim Lengerer beschäftigt sich mit sprachbezogenen Fragestellungen, die in Performances, Rauminstallationen und Publikationen thematisiert werden. Proben zu P.W. basiert auf Recherchen zu Ästhetiken des politischen Sprechens in verschiedenen Archiven der BRD und der ehemaligen DDR. In der öffentlichen Probe am 31. Januar 2013 inszeniert der Künstler Schrift- und Tonaufzeichnungen zur kontroversen ost- und westdeutschen Rezeption eines 1970 uraufgeführten Theaterstücks des Autors P.W. Das selten gespielte und heute fast vergesse Trotzki im Exil führte schon während der Proben und  vor der eigentlichen Uraufführung zu literarisch/politischen Auseinandersetzung in beiden Teilen Deutschlands. Der in der DDR bis dahin zum Theaterrepertoire zählende und vielfach aufgeführte P.W. wird zur Persona non grata erklärt. Im Westen wird er von der Presse belächelt, man wirft ihm bourgeoisen Schreibtischmarxismus vor. Die Düsseldorfer Generalprobe des Stückes wird im Januar 1970 von einer Gruppe linker Studenten performativ gestürmt, die Probe muss abgebrochen werden.

Die sich in den Briefwechseln, Presseartikeln, Tagebucheintragungen und Überwachungsberichten darstellende gesellschaftshistorische Symptomatik einer geteilten Welt sowie die Überzeugung P.W.’s, „die Errichtung einer unabhängigen künstlerischen Region“sei „nicht mehr möglich“[1], wird von Lengerer auf ihre Aktualität befragt. Als Probe aufs Exempel will Proben zu P.W. die Form und Ästhetik gesellschaftlicher (Nicht-)Verhandlungen, die dies Theaterstück ausgelöst hat, aufführen und lädt zur gemeinsamen Diskussion an diesem Abend ein. Der einfache Aufbau, die versuchte Übereinstimmung von Denken und Agieren sowie das Übungshafte der Inszenierung sind Inspirationen aus den Lehrstücken Brechts, die Lengerer mit den Aufführungsmodi des dokumentarischen Theaters verbindet.

In der Ausstellung finden die Dokumente, ebenso wie die während der Probe unter Einbeziehung des kollektiven Wissens und Live-Internetrecherchen entstehenden Fußnoten als Materialien zu Ausstellung Scriptings#31, eine räumliche Übersetzung in den Mikroräumen und variablen Konstellationen der Architektur-Skulptur von Luis Berríos-Negrón. Ähnlich wie bei der öffentlichen Probe, ist auch es hier an den Besucher_innen selbst, sich durch die Lektüre Zusammenhänge zu erschließen, eigenes Wissen zu ergänzen und die Skripte zu einem jeweils individuellen Stück zu verketten.

Die Proben selbst bleiben Andeutung und offenes, dem historischen wie gegenwärtigen Scheitern zugewandtes Spiel. Als Experiment eröffnen sie zugleich produktive Zwischenräume, in denen Geschichtlichkeit und Fiktion ineinander greifen. 

Die Materialien der Proben zu P.W. erscheinen als 31. Edition der Publikationsreihe Scriptings zur Ausstellung.

 

Achim Lengerer lebt als Künstler in Berlin und London. Seit 2009 betreibt er den mobilen Ausstellungsraum und Verlag Scriptings. Scriptings agiert als diskursive Plattform, ergänzend und parallel zu Lengerers Solo-Projekten. Künstler_innen, Autor_innen, Grafikdesigner_innen, Performer_innen ebenso wie Verleger_innen werden zur Teilnahme eingeladen – all jene also, die sich in ihrem jeweiligen Produktionsprozess den Formaten “Skript” und “Text” bedienen. Lengerer arbeitet derzeit an einem PhD-Projekt am Goldsmiths, University of London, UK, zum Verhältnis von Stimme, Notation und Live-Performance.  www.scriptings.net



[1] P.W.: 10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt, 1965.

 

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(Dis)playing paper, hours and constellations
kuratiert von Susanne Husse

Ausgangspunkt für die Serie (Dis)playing paper, hours and constellations bilden unterschiedliche Formen künstlerischer Publikationsprojekte bzw. bildnerisch erweiterter Zeichen- und Schreibpraxis. Zwischen Januar und Mai 2013 präsentiert District Kunst- und Kulturförderung Berlin unter diesem Titel vier Ausstellungsexperimente und performative Übungen, die Künstler_innen, Theoretiker_innen und Kurator_innen aus den Editions- bzw. Magazinformaten ScriptingsVOLUMESKULPI III und dem Forschungsprojekt zu zeitgenössischen Musiknotationen, VISUAL AID, heraus entwickeln.

Anknüpfend an die Vorstellung eines durch die Veröffentlichung hervorgerufenen diskursiven und sozialen Raums, der zuerst aus der gedanklichen Verbindung einer mehr oder minder zufälligen Konstellation von Leser_innen und Autor_innen entsteht, interpretiert (Dis)playing paper, hours and constellations die ausgewählten Publikationen und Dokumente als Notationen für die Erprobung temporärer Gemeinschaften. Der Notationscharakter oder die „Zukunftseigenschaft“ der Dokumente, sich als Skripte, Skizzen oder Partituren für räumliche Versuchsanordnungen und Handlungsmotivationen lesen zu lassen, wird damit auch zur hypothetischen Gesellschaft von Individuen, Objekten, Bildern, Klängen und Gedanken.

(Dis)playing paper, hours and constellations aktiviert den Begriff der Probe auch für das Nachdenken über die Räume und Präsentationszusammenhänge zeitgenössischer Kunst. Die mobile Architektur The Turtle II des Künstlers und Architekten Luis Berríos-Negrón dient als modularer Schauplatz mit insgesamt 48 Mikroräumen, innerhalb bzw. anhand derer die  Teilnehmer_innen kritische, utopische und humorvolle Display-Modelle vorstellen. Die vier unabhängig voneinander entstehenden Projekte ziehen nacheinander in die Architekturskulptur im Kabinettraum von District ein, um sich in spannungsreichen Nachbarschaften zufälliger Bezüge und konkurrierenden Behauptungen zu ergänzen.