wildes wiederholen. material von unten – WERKE

04/11/2018 — 16/12/2018

Anna Zett, Deponie, Installation, 2018, Foto: Emma Haugh

Nadia Tsulukidze, Big Bang Backwards, Performance, 4. November 2018, Archiv der DDR-Opposition, Foto: Emma Haugh

Anna, Zett Deponie, 2018

Elske Rosenfeld, A Vocabulary of Revolutionary Gestures: Interrupting. A bit of a Complex Situation, 2-Kanal-Video, 2014, Ausstellungsansicht im Archiv der DDR-Opposition, Foto: Emma Haugh

Elske Rosenfeld, A Vocabulary of Revolutionary Gestures: Repeating. Versuche / Framed, Preview in der Ausstellung im Archiv der DDR-Opposition, Foto: Emma Haugh

Über die gesamte Laufzeit des Projektes wildes wiederholen. material von unten. Künstlerische Forschung im Archiv der DDR-Opposition ist die Ausstellung an zwei Orten für Besucher*innen geöffnet:

Archiv der DDR-Opposition (Haus 17) und Haus 22 – Stasizentrale. Campus für Demokratie
Ruschestraße 103, 10365 Berlin
Öffnungszeiten: montags, 15-18 h und mittwochs, 15-20 h sowie am 15. und 16. Dezember von 15 bis 18 Uhr

District Berlin
Bessemerstraße 2-14, 12103 Berlin
Öffnungszeiten: donnerstags – samstags, 15-19 h

Zum Konzept und Programm

Zu den Buchbeiträgen und Zines

Anna Zett: Deponie

Installation: Kies, 2-Kanal-Video, Holzobjekte, Urkunde Vierzig Jahre (1989) in Original und Kopie, 2018

Deponie ist eine Arbeit zu Sprache als Teil der menschlichen Umwelt, zur toten, „zubetonierten Sprache“ des DDR-Systems, zu ihrer (Wieder-)belebung in der Opposition. Was macht eine lebendige Sprache aus, inwieweit ist sie heute ein politisches Ziel?
Deponie geht aus Zetts Forschungen im Archiv der DDR-Opposition zur Umweltbewegung und ihrem regelmäßigen Teilwerden eines komplexen, von Kiessandtagebau und Betonfabrik geprägten, postindustriellen Ökosystems im Osten von Leipzig hervor. Mit Fragen nach Sprache als Teil politischer Umwelten und Umwälzungen, setzt sich Zett mit der Umweltbewegung der DDR und der Revolution 1989 auseinander. Vermittelt über einen großen Kieshaufen – als Herberge einer Betrachtung, die instabil, beweglich und zugleich von steiniger Dauer ist – bringen zwei Videos verschiedene Körper, Sprachen und Umwelten in Interaktion. Das auf dem Gelände des Kiestagebaus gedrehte zeigt eine Figur beim Beschreiben eines Kiesbergs und das Zerfallen ihrer Graffitis in der Bewegung der Steinchen. Wörter, ihre Poetik und Gewalt wird deponiert in den Kieseln, die zugleich Veränderung verlangen und einen erdzeitlichen Horizont. Neben der Choreographie des Verschwindens von Berg und Schreiber*in brechen Protagonist* innen der oppositionellen Umweltbewegung Strukturen, Sprachen und Sozialitäten des DDR-Regimes auf. Das Filmmaterial aus dem Archiv verwebt Ausschnitte aus damals illegalen Dokumentationen zum Umgang mit Müll und Abfall mit Tonaufnahmen aus einem 1986er Lyrikabend. Szenen von der Mauerbemalung Ost im November 1989 werden verknüpft mit einem PDS-Wahlwerbespot von der ersten freien Wahl 1990 und mit bisher ebenso spielerischen wie dramatischen Aufnahmen aus der 2. Besetzung mit Hungerstreik in der Stasizentrale 1990. In ihrem assoziativen, musikalisch orientierten Videoschnitt geht Zett performativen Sprachformen nach, in denen sich die Verschiebungen, Begehren und Ahnungen eines Moments Raum schaffen, kurz vor der Wiedervereinigung, nach der viele der aus der Opposition hervorgegangenen politischen Entwürfe auf Halde gelegt wurden. Deponie bringt die Resonanzen, Reibungen und historischen Körnungen der Begriffe Deponie und Utopie als verbindende, fragende Elemente zwischen Archiven und Landschaften, Körpern und Ideologien, unüberwindlichen Resten und politischen Möglichkeiten ins Spiel.

Anna Zett ist Künstlerin, Autorin, Regisseurin von Film und Hörspiel. Ihre Arbeit verbindet historische Recherche und analytische Perspektive mit einer spielerischen, interaktionsorientierten Herangehensweise. Im Mittelpunkt stehen dabei ebenso alltägliche wie widersprüchliche Symbole aus Modernismus, Kapitalismus und Naturwissenschaft, die Zett aufgreift um die Wandlung ihrer politischen und emotionalen Assoziationsfelder zu untersuchen. Anna Zett ist geboren und aufgewachsen in Leipzig und lebt in Berlin.

Claude Gomis & Saskia Köbschall: Pirate Sounds of Solidarity

Installation: Mixed-Media-Skulptur, Objekte und Audio, 2018 (ab Dezember im Archiv der DDR-Opposition)

Die Arbeit Pirate Sounds of Solidarity hört das Archiv der DDR-Opposition „gegen den Strich“ und untersucht die Politik der Solidarität aus der Sicht von Vertragsarbeiter*innen und anderen People of Color, die in der DDR lebten und arbeiteten. Ausgangspunkt der Untersuchung sind die Archivaufnahmen des Piratenradios „Schwarzer Kanal“ und von „Radio Glasnost“, die zensierte Musik, Informationen und Widerstandsanweisungen verbreiteten.
Beim Anhören der Aufnahmen und der Auseinandersetzung mit dem anderen Material im Archiv wird schnell deutlich, dass die Lebensrealitäten von PoC, ihre Erfahrungen mit Rassismus und staatlicher Diskriminierung in einem offiziell antirassistischen Land, Perspektiven und Beiträge weitgehend fehlen, oder jedenfalls nicht indexiert sind. Die Arbeit „Pirate Sounds of Solidarity“ zielt darauf ab, diese Diskrepanz umzugestalten: In einem Gedankenexperiment ergänzt das Projekt die vorhandenen Audioarchive mit Sounds und Interviews zeitgenössischer PoC-Zeugen und baut eine neue klangliche Solidarität auf, welche die Komplexität des Widerstands in der DDR aus einer neuen Perspektive beleuchtet.

Claude Gomis ist ein in Dakar geborener Musiker und Künstler. Seine künstlerische Praxis erforscht marginalisierte historische Narrative und Persönlichkeiten und zeichnet sich durch einen engen Bezug zu, und den Dialog mit, dem urbanen Raum aus: Seit seiner Jugend in Dakar benutzt er die “Straße als Atelier” und verwendet vorwiegend gefundene, anscheinend wertlose Objekte für seine Arbeiten, welche er oft an ungewöhnlichen Orten im öffentlichen Räumen präsentiert. Saskia Köbschall ist eine in Berlin geborene Kuratorin, Anthropologin und Lektorin. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Kunst, Kultur und Wissenschaft, wobei sie mittels Ausstellungs-, Kultur- und Publikationsprojekten epistemologische Diversität fördert, um verwobene und verschwiegene, insbesondere koloniale Geschichten zu erzählen.

Elske Rosenfeld: A Vocabulary of Revolutionary Gestures: Interrupting: A bit of a Complex Situation

2-Kanal-Video, 14 min, 2014

A Vocabulary of Revolutionary Gestures: Repeating: Versuche / Framed

Diese Videoarbeit, entsteht während der Ausstellungszeit, Präsentation am 16. Dezember, Haus 22

Elske Rosenfeld (geboren in Halle/Saale, DDR, lebt in Berlin) arbeitet in unterschiedlichen Formaten zur Geschichte der Dissidenz in Osteuropa und zu den Ereignissen von 1989/90. Mit dem Archiv der DDR-Opposition verbindet sie eine inzwischen fast zehnjährige Praxis, aus der heraus die Idee für ein gemeinsames künstlerisches Forschen im Archiv im Dialog mit dessen Mitarbeiter*innen entstand. Ihr fortlaufendes Projekt „A Vocabulary of Revolutionary Gestures“ (Ein Vokabular revolutionärer Gesten) untersucht anhand von Materialien von 1989/90 und aus jüngeren, globalen Protesten und Aufständen, wie sich politische Ereignisse in den Körpern ihrer Protagonist* innen manifestieren und in sie einschreiben. Die Arbeiten der Reihe sind bestimmten Gesten – des Umkreisens, des still Stehens, des Wiederholens, das Unterbrechens – zugeordnet, die diesen als inhaltlicher Fokus und methodische Anleitung dienen.
„A bit of a Complex Situation“ (2014) ist eine Intervention in Aufnahmen vom ersten Treffen des Zentralen Runden Tischs der DDR am 7. Dezember 1989. In der von dem Filmemacher und Mitglied des Neuen Forums Klaus Freymuth gefilmten Sequenz versuchen Vertreter*innen der Oppositionsbewegungen und der Staatsmacht, sich darüber abzustimmen, wie auf eine Demonstration zu reagieren ist, die deutlich hörbar am Gebäude vorbeizieht. Rosenfeld verstärkt und wiederholt Bewegungen, Gesten und Geräusche aus dem Originalmaterial, und markiert und intensiviert so die Brüche und Kontinuitäten zwischen Innen und Außen, Sprache und Körper, Repräsentation und Verkörperung. „Versuche / Framed“ entsteht als Teil des Projekts „wildes wiederholen. material von unten“ und wird als Teil des Abschlussprogramms am 16.12.2018 präsentiert. In von Freymuth nur grob zusammengeschnittenen Videoskizzen für einen Wahlspot aus dem November 1990, sieht und hört man, wie er zwei Protagonist*innen des Runden Tischs – Ingrid Köppe und Wolfgang Ullmann – beim Anschauen seines Mitschnitts eines dieser Treffen in Position bringt und filmt. Rosenfeld spielt in ihrer Bearbeitung mit den ineinander verschachtelten Zeitebenen und sich wandelnden Bedingungen der Betrachtung und Beurteilung des politischen Ereignisses 1989.

Nadia Tsulukidze: Big Bang Backwards / Urknall rückwärts

Videoperformance, 50 min, 2018.

Mit Mitteln aus Tanz, Choreographie, Performance, Video, Zeichnung, Text und Collage erkundet Nadia Tsulukidze (geboren in Tiflis, Georgien, lebt in Berlin) den Körper als Feld ständiger Verhandlungen zwischen sozialer Konstruktion und persönlichen Begehren und Entscheidungen. Diesen Verhandlungsprozess definiert sie als performativ. In Selbstexperimenten setzt sie sich mit einem/ihrem inneren „Anderen“ in Beziehung und geht dessen unterschiedlichen (Ver-) Formungen in spezifischen, von Gender und Migration geprägten Kontexten im Post-Sozialismus nach.
Mit der für „wildes wiederholen. material von unten“ im Archiv der DDR-Opposition entstandenen Video-/Performancearbeit „Big Bang Backwards“ (Urknall rückwärts) spürt sie Resonanzen auf zwischen der eigenen Biografie und der einer ostdeutschen Theaterregisseurin, Autorin und Dissidentin. Tsulukidzes künstlerische Forschung im Archiv entwickelte sich entlang eines Tagebuchs, in dem sich das Leben und Werk der Oppositionellen mit ihrem eigenen verwebt.
Tagebücher sind eine Form des Schreibens an sich selbst, wobei das Ich Leser*in und Erzähler*in zugleich ist. Die Persona, die aus den künstlerischen Tagebüchern Tsulukidzes hervorgeht, ist eine Spiegelfigur, die verschiedene politische, psychische, körperlich-räumliche und zeitliche Kosmen ineinander zieht. Geschichte entsteht dabei als Verflechtung konkreter Erfahrungen und körperlich-sozialer Performanzen, z.B. der Klaustrophobie einer Frau in der DDR und der einer georgischen Migrant*in im post-sozialistischen Deutschland. Biographie und Dokumentarisches Arbeiten nutzt Tsulukidze als narrative Praxen mit Fokus auf das ihnen innewohnende Imaginäre und Intersubjektive. Verstärkt und verkompliziert wird die Erzählung durch metaphysische, poetische und politische Erweiterungen, Skizzen und Zitate. Die Lecture-Performance verknüpft Aufzeichnungen aus den Tagebüchern, Archivmaterial zum Werk und Widerstand der Künstlerin und Aktivistin sowie nicht abgesendete Briefe von der einen an die andere.

Technosekte + Henrike Naumann: BRONXX

Performance am 16. Dezember 2018, Haus 22

In Ostdeutschland aufwachsend erfuhr Henrike Naumann (geboren in Zwickau, DDR, lebt in Berlin) rechtsextreme Ideologie als dominante Jugendkultur in den 90er Jahren. Ihre Arbeit reflektiert die Geschichte des rechten Terrorismus in Deutschland und die heutige Breitenakzeptanz rassistischer Ideen. Sie interessiert sich für die Mechanismen von Radikalisierung und dafür, wie diese an persönliche Erfahrungen und Jugendkulturen geknüpft sind. Das Reibungsverhältnis entgegengesetzter politischer Meinungen erkundet sie im Umgang mit Geschmack und persönlicher Alltagsästhetik. In ihren immersiven Installationen kombiniert sie Video und Sound mit szenografischen Räumen. Der Fokus ihrer Arbeit erweitert sich in Auseinandersetzung mit globalen Verbindungen von Jugendkulturen und der Umkehrung von kulturellem ‚Othering’.
BRONXX entsteht als performativer Beitrag in Auseinandersetzung mit dem Archiv der DDR-Opposition und als ein Versuch, mit den Mitteln experimenteller Musik ein alternatives Kommunikationssystem zum Sprechen über Stasi und Opposition zu entwickeln.