Ich will dass niemand keinen Rest findet der Zeugnis wäre unserer Existenz

26/11/2018 — 26/11/2018

Lesbenfest, Jena 1987, Foto: Pea Lehmann, Archiv GrauZone im Archiv der DDR-Opposition, aus: Ernest Ah, Sabrina Saase & Lee Stevens vom Kollektiv der Raumerweiterungshalle, gemeinsam unerträglich, 2018

Ich will dass niemand keinen Rest findet der Zeugnis wäre unserer Existenz. Photos: Jil Zepp

Gespräche und Archivlesungen zu Unterdrückungen und Widerständen in und zwischen verschiedenen politischen Systemen, zu queeren Subjektivitäten und intersektionalen Organisierungen, Allianzen und ihren Un/Möglichkeiten mit Claude Gomis & Saskia Köbschall, Rebecca Hernandez Garcia, Samirah Kenawi, Ernest Ah & Sabrina Saase & Lee Stevens vom Kollektiv der Raumerweiterungshalle, Maria Josephina Bengan Making und Peggy Piesche, moderiert von Suza Husse und Elske Rosenfeld

26. November 2018, 19 – 22 Uhr

als Teil von wildes wiederholen. material von unten. Künstlerische Forschung im Archiv der DDR-Opposition
Ort: Haus 22. Stasizentrale. Campus der Demokratie – Ruschestr. 103, 10365 Berlin Lichtenberg

Am 26. November – zum 29. Jahrestag des ersten DDR-weiten Lesbenkongresses, organisiert 1989 „im Schatten des Mauerfalls“ – kommen Künstler*innen, Autor*innen, Archivarbeiter*innen, Protagonist*innen der Bewegungen und Gäste zusammen, um Erfahrungen, Erzählungen, Abwesenheiten und Spekulationen aus dem Archiv GrauZone und dem Archiv der DDR-Opposition zu verweben mit ihren politischen Resonanzen heute. Entlang ausgewählter Dokumente aus den Archivbeständen öffnen die Beitragenden ihre Forschungen, die sie als Ausstellungs- oder Buchbeiträge im Rahmen des Projekts wildes wiederholen. material von unten. realisieren, für die gemeinsame Reflektion.

Samirah Kenawi versammelte ab 1992 systematisch das Archiv der DDR-Frauen*- und Lesbenbewegung GrauZone, das sie 1988 in der Frauen*gruppe Fennpfuhl zunächst als Informationsquelle für Frauen* in der DDR mitgegründet hatte. Parallel dazu begann ihre bis heute währende Beschäftigung mit der politischen Geschichte des Geldes und den ökonomischen Strukturen von Utopien als Teil kollektiver queer-feministischen Arbeit an alternativen Gesellschaftsmodellen. Im Gespräch gehen wir Un/Möglichkeiten politischer Organisierung, Allianzen und Abgrenzungsdynamiken in Staatssozialismus und Kapitalismus nach und diskutieren Freundschaft als widerständige Infrastruktur.

Claude Gomis und Saskia Köbschall entwickeln während der Laufzeit von wildes wiederholen. material von unten ihre Arbeit Pirate Sounds of Solidarity, mit der sie das Archiv der DDR-Opposition „gegen den Strich“ hören, um dessen Bestände um die widerständigen Perspektiven von Vertragsarbeiter*innen und anderen PoC, die in der DDR lebten und arbeiteten, zu ergänzen. Ausgangspunkt sind die Archivaufnahmen des Piratenradios „Schwarzer Kanal“ und von „Radio Glasnost“, die zensierte Musik, Informationen und Widerstandsanweisungen verbreiteten.

Rebecca Garcia Hernandez ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Archiv der DDR-Opposition, wo sie die letzten Jahre den Bestand des Archivs GrauZone der DDR-Frauen*bewegungen aufgearbeitet hat, und zugleich situierte Expertin post-/migrantischer Erfahrungen während und nach der DDR.

Ernest Ah & Sabrina Saase & Lee Stevens vom Kollektiv der Raumerweiterungshalle forschten für ihren Beitrag gemeinsam unerträglich, der als Hörstück, Zine und Posterserie in der Ausstellung zu erfahren ist, zu lesbischen und trans* Wirklichkeiten, Kulturen und Organisierungen in der DDR und ihren Weiterführungen bis heute. In Gesprächen mit Protagonist*innen, die die Bestände des Archivs erweitern, gehen sie dabei spezifischen Formen gelebten Widerstands gegen patriarchale Gewalt in der DDR nach.

Peggy Piesche interessiert sich im Archiv der DDR-Opposition für feministische, von People of Color ausgehenden Geschichtserzählungen zu Staatssozialismus und Wende. Ihr Publikationsbeitrag nimmt den Kampf um reproduktive Rechte und körperliche Selbstbestimmung, den Einfluss der maßgeblich von Frauen organisierten polnischen Solidarność-Bewegung in der DDR und die Erfahrungen von Vertragsarbeiter*innen als mögliche Ausgangspunkte kontrapunktischer Solidarisierungen gegen patriarchale und rassistische Staats- und Gesellschaftspolitiken der DDR und über 1990 hinaus.

Ich will dass niemand keinen Rest findet der Zeugnis wäre unserer Existenz ist eine Zeile aus einem Liebesgedicht von 1986, das Suza Husse und Maria Josephina Bengan Making in den Recherchen für ihren gemeinsamen Buchbeitrag in einer Mappe zu Frauen*- und Lesben-Gruppen in Dresden fanden. Mit Blick auf die Ermächtigung gegenüber der (eigenen) Geschichte verweist die Zeile für uns auf widerständige Un/Sichtbarkeiten, die auf das immaterielle Archiv gelebter Beziehungen und die Geschichtlichkeit einer Berührung.

* Die Veranstaltung findet in deutscher Sprache mit Flüsterübersetzung ins Englische statt.
** Die Ausstellung wildes wiederholen. material von unten. im Archiv der DDR-Opposition / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. (Haus 17) ist an diesem Tag von 15 bis 19 Uhr geöffnet.
*** Das Haus 22 verfügt leider über keine rollstuhlgerechten Zugänge. Toiletten sind im Nachbarhaus zu benutzen.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Projekts wildes wiederholen. material von unten. Künstlerische Forschung im Archiv der DDR-Opposition. Ein Kooperationsprojekt zwischen District Berlin und dem Archiv der DDR-Opposition / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. kuratiert von Suza Husse und Elske Rosenfeld im Gespräch mit den Partner*innen im Archiv: Rebecca Hernandez Garcia, Frank Ebert, Christoph Ochs, Olaf Weißbach. Forschungsassistenz: Maria Josephina Bengan Making
Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

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